Fachjargon vermeiden: Klartext statt Kauderwelsch

Bandwurmsätze und Kauderwelsch: Warum Fachjargon schadet und wie du Klartext sprichst und schreibst.

Mikrofon für eine Rede ohne Fachjargon

Bandwurmsätze, Anglizismen und Begriffe, die nur Insider verstehen: Viele Vorstandsreden, Pressemitteilungen und Geschäftsberichte lesen sich, als wären sie für Fachleute geschrieben und nicht für Menschen. Kommunikationswissenschaftler der Universität Hohenheim haben Reden von Vorstandsvorsitzenden der DAX-Konzerne auf ihre Verständlichkeit untersucht. Das Ergebnis einer ihrer Analysen: Nur etwa jedes vierte Unternehmen konnte seine Botschaften wirklich klar vermitteln. Wer Fachjargon vermeidet, wird verstanden, und wer verstanden wird, überzeugt.

In diesem Beitrag erfährst du, warum Fachjargon so verbreitet ist, was er kostet, wie Verständlichkeit gemessen wird und mit welchen Techniken du klarer schreibst und sprichst.

Mikrofon für eine Rede ohne Fachjargon
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Was die Verständlichkeitsanalysen zeigen

Die Hohenheimer Forschenden bewerten Texte mit einem Verständlichkeitsindex. Er berücksichtigt unter anderem Satzlänge, Wortlänge, Fremdwörter, Fachbegriffe, Abstraktheit und Schachtelsätze. In der zitierten Untersuchung erreichten nur wenige Vorstandsreden gute Werte. Die verständlichsten Reden zeichneten sich durch kurze Sätze, wenige Fremdwörter und konkrete Formulierungen aus. Die Schlusslichter verwirrten mit verschachtelten Sätzen und gewagten Wortkonstruktionen.

Das Problem: Hauptversammlungen und Bilanzpressekonferenzen richten sich nicht nur an Finanzexperten, sondern auch an Kleinaktionäre, Mitarbeitende, Journalisten und die Öffentlichkeit. Wer dort in Fachsprache redet, verpasst die Chance, sein Unternehmen persönlich, glaubwürdig und mit Emotionen darzustellen.

Warum Fachjargon so verbreitet ist

  • Gewohnheit: Wer täglich in einer Branche arbeitet, hält Fachbegriffe für selbstverständlich.
  • Absicherung: Komplizierte Formulierungen wirken vorsichtig und rechtlich unangreifbar.
  • Status: Fachsprache signalisiert Kompetenz und Zugehörigkeit.
  • Abstimmungsschleifen: Jede Abteilung ergänzt ihre Begriffe, bis der Text unlesbar ist.
  • Zeitdruck: Einfach schreiben ist schwerer und dauert länger als kompliziert schreiben.

Was Fachjargon kostet

Unverständliche Kommunikation hat Folgen, auch wenn sie selten gemessen werden.

  • Botschaften kommen nicht an: Wer nicht verstanden wird, kann nicht überzeugen.
  • Misstrauen: Komplizierte Sprache wirkt, als habe jemand etwas zu verbergen.
  • Weniger Berichterstattung: Journalisten greifen unverständliche Meldungen seltener auf.
  • Distanz: Mitarbeitende und Kunden fühlen sich nicht angesprochen.
  • Fehler: Missverständnisse führen zu falschen Entscheidungen und Rückfragen.
Mikrofon am Rednerpult, klare Sprache statt Fachjargon
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Fachjargon vermeiden: zehn Techniken für klare Sprache

  1. Kurze Sätze: Ein Gedanke pro Satz. Als Faustregel gelten im Schnitt höchstens 15 bis 20 Wörter.
  2. Verben statt Substantive: „Wir entscheiden“ statt „Es erfolgt eine Entscheidungsfindung“.
  3. Aktiv statt Passiv: Wer handelt, sollte im Satz vorkommen.
  4. Konkret statt abstrakt: Beispiele, Zahlen und Bilder statt allgemeiner Begriffe.
  5. Fachbegriffe erklären: Wenn ein Fachwort nötig ist, erkläre es beim ersten Vorkommen.
  6. Fremdwörter sparsam: Wenn es ein deutsches Wort gibt, nutze es.
  7. Abkürzungen ausschreiben: Nicht jeder kennt die internen Kürzel.
  8. Die wichtigste Aussage zuerst: Erst die Botschaft, dann die Details.
  9. Laut lesen: Was beim Vorlesen holpert, holpert auch beim Lesen.
  10. Testleser fragen: Jemand außerhalb des Fachs sagt dir ehrlich, was unklar ist.

Mehr über die Grundlagen verständlicher Kommunikation erfährst du im Beitrag zur klaren Kommunikation.

Fachjargon in Pressemitteilungen

Pressemitteilungen sind ein Paradebeispiel für unnötigen Fachjargon. Viele beginnen mit Formulierungen wie „Die führende Anbieterin innovativer Lösungen im Bereich digitaler Transformationsprozesse“. Journalisten lesen solche Sätze täglich dutzendfach und legen die Meldung schnell beiseite.

  • Überschrift mit Nachricht: Was ist passiert, und warum ist es wichtig?
  • Einstieg mit den W-Fragen: Wer, was, wann, wo, wie, warum, in einfachen Worten.
  • Zitate wie gesprochen: Menschen reden nicht in Substantivketten. Zitate sollten natürlich klingen.
  • Keine Superlative: „Führend“ und „einzigartig“ ersetzen keine Fakten.
  • Fachbegriffe erklären: Fachmedien verstehen sie, Publikumsmedien brauchen eine Erklärung.

Wie du Meldungen schreibst, die gelesen werden, zeigt unser Beitrag zur Online-Pressemitteilung.

Verständlich reden: Tipps für Reden und Interviews

Gesprochene Sprache folgt anderen Regeln als geschriebene. Zuhörer können nicht zurückblättern. Deshalb sind kurze Sätze, Wiederholungen der Kernbotschaft und anschauliche Beispiele noch wichtiger. Eine gute Rede hat eine klare Struktur, die das Publikum mitnimmt: Worum geht es, was bedeutet es, was folgt daraus? Wer frei spricht oder zumindest nicht nur abliest, wirkt glaubwürdiger. Hilfreich ist ein gezieltes Medientraining, in dem Führungskräfte üben, komplexe Themen in einfachen Worten zu erklären.

Kernbotschaften als Kompass

Viele Texte werden kompliziert, weil unklar ist, was sie eigentlich sagen sollen. Wer vor dem Schreiben seine Kernbotschaften festlegt, schreibt fokussierter und verständlicher. Eine einfache Übung: Fasse die wichtigste Aussage in einem Satz zusammen, den auch ein zwölfjähriges Kind versteht. Wie du Kernbotschaften entwickelst, beschreibt unser Beitrag zu Kernbotschaften.

Verständlichkeit im Unternehmen verankern

Klare Sprache ist keine Frage des Talents, sondern der Haltung und Übung. Unternehmen können sie fördern: mit Schreibrichtlinien, Schulungen, einem Glossar, das Fachbegriffe in verständliche Sprache übersetzt, und einem Freigabeprozess, der Verständlichkeit prüft statt nur Vollständigkeit. Auch digitale Werkzeuge, die Satzlängen und schwierige Wörter markieren, können helfen.

Wichtig ist, dass Führungskräfte mit gutem Beispiel vorangehen. Wenn der Vorstand verständlich spricht, folgt der Rest des Unternehmens.

Verständlichkeit ist dabei kein Selbstzweck, sondern ein Zeichen von Respekt gegenüber den Menschen, die man erreichen will.

Und sie spart Zeit: Wer verstanden wird, muss weniger erklären, nachbessern und richtigstellen.

Vorher und nachher: Beispiele für klare Sprache

Am besten lässt sich der Unterschied an Beispielen zeigen. Die folgenden Sätze sind typisch für Unternehmenstexte. Daneben steht jeweils eine verständlichere Version.

  • Vorher: „Im Rahmen der Optimierung unserer Prozesslandschaft erfolgt eine Neuausrichtung der Vertriebsstrukturen.“
    Nachher: „Wir organisieren unseren Vertrieb neu, damit Kunden schneller Antworten bekommen.“
  • Vorher: „Die Inbetriebnahme der neuen Produktionslinie ist für das dritte Quartal vorgesehen.“
    Nachher: „Die neue Produktionslinie läuft ab Herbst.“
  • Vorher: „Wir verfolgen einen kundenzentrierten, ganzheitlichen Lösungsansatz.“
    Nachher: „Wir hören zu und lösen das Problem, das unsere Kunden wirklich haben.“
  • Vorher: „Aufgrund externer Faktoren kam es zu einer Ergebnisbelastung.“
    Nachher: „Weil Energie teurer wurde, haben wir weniger verdient.“

Die verständlichen Versionen sind kürzer, konkreter und nennen den Handelnden. Sie zeigen außerdem, warum etwas geschieht und was es für die Leser bedeutet. Genau das macht Kommunikation glaubwürdig.

Anglizismen mit Augenmaß

In vielen Branchen haben sich englische Begriffe eingebürgert: Meeting, Feedback, Team, Software. Gegen solche Wörter ist nichts einzuwenden, sie gehören zur Alltagssprache. Problematisch wird es, wenn Texte von Begriffen wie „Alignment“, „Leverage“ oder „Deep Dive“ durchzogen sind, die viele Leser nicht genau verstehen. Frage dich bei jedem englischen Begriff: Versteht meine Zielgruppe ihn? Gibt es ein gleichwertiges deutsches Wort? Wenn ja, nutze es.

Zahlen verständlich machen

Auch Zahlen können Fachjargon sein. Begriffe wie EBITDA, Marge oder Basispunkte sagen Finanzfachleuten viel, anderen wenig. Erkläre, was eine Zahl bedeutet, setze sie in Beziehung und nutze Vergleiche. „Der Umsatz stieg um acht Prozent“ wird anschaulicher mit dem Zusatz „so stark wie seit fünf Jahren nicht mehr“. Grafiken helfen zusätzlich, Entwicklungen auf einen Blick zu erfassen.

Gerade in Geschäftsberichten und auf Hauptversammlungen lohnt sich dieser Aufwand. Kleinaktionäre, Mitarbeitende und Journalisten danken es mit Aufmerksamkeit und Vertrauen.

Verständlichkeit prüfen: so gehst du vor

Bevor ein Text das Haus verlässt, lohnt sich ein kurzer Verständlichkeitscheck. Er dauert nur wenige Minuten und verbessert fast jeden Text deutlich.

  1. Kernbotschaft prüfen: Steht die wichtigste Aussage am Anfang?
  2. Lange Sätze teilen: Markiere alle Sätze mit mehr als 25 Wörtern und teile sie auf.
  3. Substantivketten auflösen: Wörter auf „-ung“, „-heit“ und „-keit“ sind oft versteckte Verben.
  4. Fachbegriffe markieren: Wird jeder Begriff erklärt oder ist er für die Zielgruppe selbstverständlich?
  5. Abkürzungen prüfen: Werden sie beim ersten Vorkommen ausgeschrieben?
  6. Laut vorlesen: Wo stolperst du? Dort stolpern auch deine Leser.
  7. Fremden Blick einholen: Gib den Text jemandem außerhalb des Projekts und frage, was hängen geblieben ist.

Mit etwas Übung wird dieser Check zur Routine, und die Texte werden schon beim ersten Entwurf klarer. Viele Schreibende berichten, dass sie nach einigen Wochen bewusster formulieren und weniger nachbessern müssen.

Verständlichkeit für alle

Klare Sprache hilft nicht nur Laien, sondern auch Menschen mit Leseschwierigkeiten, Nicht-Muttersprachlern und älteren Menschen. In Deutschland haben Millionen Erwachsene Schwierigkeiten mit längeren, komplexen Texten. Wer verständlich schreibt, erreicht also deutlich mehr Menschen. Für manche Zielgruppen lohnt sich zusätzlich eine Version in Einfacher oder Leichter Sprache.

So wird aus einem Text für Fachleute eine Botschaft, die alle erreicht.

Fang am besten mit deinem nächsten Text an und probiere die Techniken einfach aus.

Typische Fehler beim Versuch, verständlich zu sein

  • Zu stark vereinfachen: Verständlich heißt nicht banal. Wichtige Nuancen dürfen nicht verloren gehen.
  • Anbiedern: Jugendsprache in einer Vorstandsrede wirkt bemüht.
  • Floskeln statt Fachjargon: „Wir sind gut aufgestellt“ ist verständlich, sagt aber nichts.
  • Nur Wortwahl ändern: Verständlichkeit beginnt bei der Gliederung und der klaren Botschaft.

Fazit: Wer Fachjargon vermeidet, wird gehört

Fachjargon ist bequem, aber er kostet Verständnis, Vertrauen und Aufmerksamkeit. Die Analysen von Vorstandsreden zeigen, wie viel Potenzial selbst große Unternehmen verschenken. Mit kurzen Sätzen, aktiven Verben, konkreten Beispielen, erklärten Fachbegriffen und ehrlichem Feedback von Testlesern wird Kommunikation verständlich, ohne an Substanz zu verlieren.

Aktuelle Analysen zur Verständlichkeit veröffentlicht die Universität Hohenheim. Hintergründe zur Fachsprache findest du im Lexikoneintrag zur Fachsprache, Hinweise zu Leichter und Einfacher Sprache bei der Bundesfachstelle Barrierefreiheit.

Häufige Fragen zum Thema Fachjargon

Was ist Fachjargon?

Fachjargon ist eine Sprache voller Fachbegriffe, Abkürzungen und Fremdwörter, die nur Insider verstehen. Außerhalb des Fachs erschwert er die Verständigung.

Wie kann ich Fachjargon vermeiden?

Mit kurzen Sätzen, Verben statt Substantiven, aktiven Formulierungen, konkreten Beispielen, erklärten Fachbegriffen, ausgeschriebenen Abkürzungen und Feedback von Testlesern.

Wie wird Verständlichkeit gemessen?

Mit Verständlichkeitsindizes, die etwa Satzlänge, Wortlänge, Fremdwörter, Fachbegriffe und Schachtelsätze auswerten, wie der Hohenheimer Verständlichkeitsindex.

Warum sprechen viele Manager so kompliziert?

Aus Gewohnheit, zur Absicherung, aus Statusgründen, wegen langer Abstimmungsschleifen und weil einfaches Schreiben mehr Zeit und Übung erfordert.

Bedeutet verständliche Sprache, dass Inhalte vereinfacht werden?

Nein. Verständlich heißt nicht banal. Komplexe Inhalte lassen sich klar darstellen, ohne wichtige Nuancen zu verlieren.

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