Viele Pressemitteilungen landen ungelesen im digitalen Papierkorb. Eine Crowdfunding-Plattform wollte das nicht hinnehmen und ließ 38 Redaktionen in Berlin und München einen 20 Zentimeter großen Eisberg liefern, mit der Pressemitteilung im Inneren. Einige Redakteure reagierten zunächst frostig. Doch die Eisberge landeten auf Konferenztischen, schmolzen langsam vor sich hin und vermittelten genau die Botschaft, um die es ging: Die Zeit läuft ab. Ein klassischer PR-Stunt, der deutlich mehr Veröffentlichungen brachte als üblich.
In diesem Beitrag erfährst du, wie die Eisberg-Aktion ablief, was einen guten PR-Stunt ausmacht, welche Beispiele inspirieren und wo die Grenzen liegen. Außerdem bekommst du eine Anleitung für deinen eigenen Stunt.

Das Beispiel: Eine Pressemitteilung im Eisberg
Auf der Crowdfunding-Plattform sammelte eine Fotografin Geld für eine Fotoinstallation über das Schmelzen der Arktis. Der Kern des Projekts und der Arktis war derselbe: Die Zeit läuft ab. Diese Dringlichkeit sollte bei den Redakteuren ankommen, nicht als weiterer Text im Postfach, sondern als Erlebnis.
- Die Idee: Die Pressemitteilung wurde in einen Eisblock eingefroren und persönlich an Redaktionen geliefert.
- Die Inszenierung: Die Verteilung selbst wurde als Ereignis kommuniziert und mit klassischen Pressemitteilungen begleitet.
- Die Reaktion: „Keine Zeit“, „Was soll ich damit?“ – die ersten Reaktionen waren gemischt. Gerade das machte die Aktion wirksam.
- Die Wirkung: Der schmelzende Eisberg auf dem Konferenztisch machte die Botschaft spürbar. Die Fotografin bekam Fernsehauftritte, das Projekt zahlreiche Berichte.
Die Agentur berief sich dabei auf einen Pionier der PR: Edward Bernays, der schon vor hundert Jahren Ereignisse inszenierte, um Nachrichten zu erzeugen.
Was einen PR-Stunt ausmacht
Ein PR-Stunt ist eine ungewöhnliche, oft überraschende Aktion, die gezielt Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit erzeugt. Anders als Werbung kauft er keine Reichweite, sondern verdient sie durch Nachrichtenwert.
- Überraschung: Der Stunt bricht mit Erwartungen und fällt aus dem Alltag heraus.
- Thematische Passung: Er transportiert die Botschaft, statt nur Aufsehen zu erregen. Der schmelzende Eisberg war die Botschaft.
- Starkes Bild: Ein Motiv, das sich leicht beschreiben, fotografieren und teilen lässt.
- Nachrichtenwert: Journalisten haben einen Anlass, darüber zu berichten.
- Einfachheit: Die Idee lässt sich in einem Satz erklären.
Warum PR-Stunts wirken
Redaktionen erhalten jeden Tag eine Flut von Pressemitteilungen. Viele davon sind lieblos verfasst, an riesige Verteiler verschickt oder über kostenlose Portale verbreitet. Ein Stunt durchbricht dieses Rauschen. Er zeigt, dass sich der Absender Mühe gegeben hat, und verdient sich so Aufmerksamkeit.
Die Eisberg-Aktion erinnert zugleich an den Kern guter Pressearbeit: Inhalt und Dialog mit Redaktionen. Wer erwartet, dass Journalisten sich Zeit für ein Thema nehmen, sollte selbst Zeit in die Aufbereitung investieren. Wie du eine Meldung schreibst, die gelesen wird, zeigt unser Beitrag zur Online-Pressemitteilung.

Weitere PR-Stunt-Beispiele zur Inspiration
Der radelnde Postbote
Ein Postbote fuhr mit seinem schweren Dienstrad von München nach Hamburg, sein Arbeitgeber spendete pro Kilometer an ein Kinderhilfswerk. Mehr Beispiele dieser Art findest du in unserem Beitrag zur Charity-PR.
Der rätselhafte Brief
Für ein Computerspiel erhielten Journalisten einen Hilferuf ohne Absender und wurden so selbst Teil der Geschichte. Wie das funktionierte, beschreibt unser Beitrag zur Teaser-Kampagne.
Die Band, die es nie gab
Eine Bank erfand eine Band, deren Song in die Charts kam, bevor die Auflösung folgte. Wie solche Aktionen Reichweite erzeugen, liest du im Beitrag zur viralen Kampagne.
Die Nacht der Wohnungsbesichtigungen
Ein Immobilienportal brachte mit Shuttlebussen 2.000 Wohnungssuchende in einer Nacht zu 150 Wohnungen. Mehr dazu im Beitrag zur Live-Kampagne.
Einen PR-Stunt planen
- Botschaft festlegen: Was soll hängen bleiben? Der Stunt muss genau diese Botschaft transportieren.
- Bild finden: Suche nach einem Motiv, das die Botschaft sichtbar oder spürbar macht.
- Zielgruppe und Medien wählen: Wen willst du erreichen, und welche Redaktionen berichten über solche Themen?
- Machbarkeit prüfen: Logistik, Kosten, Genehmigungen, Sicherheit und Wetter.
- Begleitkommunikation vorbereiten: Pressemitteilung, Fotos, Videos und Ansprechpartner müssen bereitstehen.
- Risiken durchdenken: Wie könnten Medien und Öffentlichkeit negativ reagieren?
- Auswerten: Veröffentlichungen, Reichweite, Reaktionen und Wirkung auf das Ziel.
Ethik und Grenzen des PR-Stunts
Je spektakulärer ein Stunt, desto größer das Risiko. Immer wieder sorgen Aktionen für Schlagzeilen, weil sie Grenzen überschreiten: inszenierte Unfälle, gefälschte Nachrichten oder Aktionen, die Einsatzkräfte beschäftigen. Solche Stunts erzeugen zwar Aufmerksamkeit, aber selten die gewünschte.
- Keine Panik erzeugen: Inszenierungen, die mit echten Gefahren verwechselt werden können, sind tabu.
- Keine Falschmeldungen: Medien dürfen nicht bewusst getäuscht werden. Eine Auflösung gehört zum Konzept.
- Respekt vor Betroffenen: Themen wie Krankheit, Armut oder Katastrophen verlangen besondere Sensibilität.
- Rechtliche Prüfung: Genehmigungen, Haftung, Werberecht und Datenschutz vorab klären.
- Nachhaltigkeit: Müll, Energieverbrauch und Ressourcen sollten im Verhältnis zur Botschaft stehen.
Die Eisberg-Aktion ist hier ein gutes Beispiel: Sie war überraschend und ein wenig unbequem, aber harmlos. Sie verursachte keine Schäden, und das Eis hinterließ am Ende nur etwas Wasser.
PR-Stunts im digitalen Zeitalter
Heute erreichen Stunts ihr Publikum nicht nur über klassische Medien, sondern vor allem über soziale Netzwerke. Ein gutes Foto oder ein kurzes Video kann sich in Stunden millionenfach verbreiten. Das eröffnet Chancen, erhöht aber auch das Risiko. Kritik verbreitet sich ebenso schnell wie Begeisterung. Plane deshalb von Anfang an, wie du den Stunt in sozialen Netzwerken begleitest, wer auf Kommentare reagiert und wie du mit negativen Stimmen umgehst.
PR-Stunts mit kleinem Budget
Ein Stunt muss nicht teuer sein. Die Eisberg-Aktion kostete vor allem Kreativität, etwas Logistik und Mut. Auch kleine Unternehmen können mit einer pfiffigen Idee Aufmerksamkeit gewinnen, etwa mit einer ungewöhnlichen Lieferung an Lokalredaktionen, einem überraschenden Auftritt im Stadtbild oder einer Aktion, die ein aktuelles Thema humorvoll aufgreift. Entscheidend ist, dass die Idee zur Botschaft passt.
Teste deine Idee vorher im kleinen Kreis: Versteht man die Botschaft sofort? Wirkt die Aktion sympathisch oder eher anstrengend? Ehrliches Feedback aus der Zielgruppe bewahrt vor teuren Fehlschlägen.
Und bereite dich darauf vor, dass ein Stunt nicht immer sofort zu Berichten führt. Manchmal braucht es einen freundlichen Anruf in der Redaktion, um die Geschichte hinter der Aktion zu erklären.
Die Geschichte des PR-Stunts
Inszenierte Ereignisse sind so alt wie die Public Relations selbst. Edward Bernays, oft als Vater der PR bezeichnet, organisierte in den 1920er-Jahren Aktionen, die Medien nicht ignorieren konnten. Er verstand früh, dass Journalisten Ereignisse brauchen, über die sie berichten können, und dass ein gut inszeniertes Ereignis mehr bewirkt als jede Anzeige. Seine Methoden sind bis heute umstritten, weil sie teilweise gezielt verschleierten, wer hinter einer Aktion stand.
Moderne PR hat daraus gelernt: Ein Stunt darf überraschen, aber nicht täuschen. Spätestens bei der Berichterstattung sollte klar sein, wer die Aktion initiiert hat und warum. Diese Transparenz unterscheidet einen kreativen PR-Stunt von Manipulation und schützt die Glaubwürdigkeit des Absenders.
Was Journalisten von PR-Stunts halten
Viele Redakteurinnen und Redakteure stehen PR-Stunts zwiespältig gegenüber. Einerseits freuen sie sich über kreative Ideen und gute Geschichten. Andererseits möchten sie nicht zum Werkzeug einer Inszenierung werden. Ein Stunt kommt deshalb am besten an, wenn er einen echten Inhalt hat, Arbeit erleichtert statt verursacht und Journalisten die Freiheit lässt, kritisch zu berichten. Die Eisberg-Aktion traf diesen Ton: Sie sorgte für ein Schmunzeln und lenkte den Blick auf ein ernstes Thema.
Am Ende zählt, ob die Geschichte hinter dem Stunt trägt. Ohne relevanten Inhalt bleibt auch die originellste Aktion eine kurze Episode.
Den PR-Stunt dokumentieren
Halte deinen Stunt in Fotos und Videos fest, und zwar professionell. Viele Medien greifen gern auf gutes Bildmaterial zurück, und auch für soziale Netzwerke, Fallstudien und Preisbewerbungen brauchst du eine saubere Dokumentation. Plane deshalb eine Fotografin oder ein Videoteam von Anfang an mit ein.
Kläre dabei vorab die Bildrechte und hole Einwilligungen von allen erkennbaren Personen ein.
Typische Fehler bei PR-Stunts
- Aufmerksamkeit ohne Botschaft: Ein Spektakel, das niemand mit dem Absender verbindet, verpufft.
- Geschmacklosigkeit: Stunts, die mit echten Ängsten, Katastrophen oder Leid spielen, lösen Empörung aus.
- Täuschung: Wer Medien bewusst in die Irre führt, riskiert seine Glaubwürdigkeit.
- Belastung der Redaktionen: Aktionen, die Arbeit, Dreck oder Kosten verursachen, verärgern statt zu überzeugen.
- Wiederholung: Was einmal originell war, nutzt sich ab. Zwischen ähnlichen Aktionen sollte Zeit liegen.
Fazit: Der PR-Stunt als Aufmerksamkeitskatalysator
Ein guter PR-Stunt verbindet Überraschung mit Inhalt. Der schmelzende Eisberg hat gezeigt, wie eine Botschaft spürbar wird, wenn Form und Inhalt zusammenpassen. Wer einen Stunt plant, sollte die Botschaft kennen, ein starkes Bild finden, Risiken bedenken und die Begleitkommunikation vorbereiten. Dann wird der Stunt zum Katalysator für Aufmerksamkeit und Dialog mit den Medien.
Mehr über den Pionier inszenierter Ereignisse erfährst du im Lexikoneintrag zu Edward Bernays. Grundsätze für den fairen Umgang mit Medien beschreibt der Pressekodex des Deutschen Presserats, ethische Standards der PR der Deutsche Rat für Public Relations.
Häufige Fragen zum PR-Stunt
Was ist ein PR-Stunt?
Ein PR-Stunt ist eine ungewöhnliche, überraschende Aktion, die gezielt Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit erzeugt und dabei eine Botschaft transportiert.
Was macht einen guten PR-Stunt aus?
Überraschung, thematische Passung zur Botschaft, ein starkes Bild, Nachrichtenwert und eine Idee, die sich in einem Satz erklären lässt.
Was war die Eisberg-Aktion?
Eine Crowdfunding-Plattform ließ 38 Redaktionen in Berlin und München eine Pressemitteilung in einem Eisberg liefern, um auf ein Fotoprojekt über das Schmelzen der Arktis aufmerksam zu machen.
Welche Risiken haben PR-Stunts?
Geschmacklosigkeit, Täuschung von Medien, verärgerte Redaktionen, rechtliche Probleme und Kritik in sozialen Netzwerken, wenn ein Stunt Grenzen überschreitet.
Braucht ein PR-Stunt ein großes Budget?
Nein. Viele erfolgreiche Stunts leben von Kreativität und Mut statt von Geld. Entscheidend ist eine Idee, die zur Botschaft passt und Medien einen Anlass zur Berichterstattung gibt.
